art Magazin

Tanz auf dem Vulkan

Wanderer zwischen den Welten: In der Weimarer Zeit tauschte WALTER SPIES die Metropole Berlin gegen ein freies Leben auf Bali ein.

Der junge Maler hat sich als Matrose getarnt auf die »SS Hamburg« eingeschleust, die 1923 von Hamburg Kurs auf die Insel Java nimmt. Er gibt sich als Russe aus, die »Sprachschwierigkeiten« sollen verschleiern, dass er von der Seefahrt keinen Schimmer hat. Dafür steckt in Walter Spies umso mehr Entschlossenheit. Er hat alles darangesetzt, nach Indonesien zu gelangen, damals die Kolonie Niederländisch-Indien. Ein reguläres Ticket für die Schiffspassage kann er sich nicht leisten, deshalb reist er undercover.

Es war ein Bildband des auf Bali lebenden Arztes Gregor Krause – Walter Spies entdeckte ihn 1923 im Amsterdams Koloniaal Instituut – der diesen Wendepunkt in seinem Leben eingeleitet hat. Er ist fasziniert, sieht Palmen, Wasserfälle und Reisterrassen, die sich an Berge schmiegen. »Da will ich hin«, soll er Freunden gesagt haben. Raus aus dem grauen Zwischenkriegsdeutschland, wo der 1895 in Moskau geborene Spies sich nie richtig wohlgefühlt hat. Dabei feiert er gerade erste Erfolge. Anfang 1923 etwa ist er wegen zwei seiner Ausstellungen in Amsterdam und Den Haag. Vorher hat er mit der Novembergruppe ausgestellt, der er sich aber nicht zugehörig fühlt. Er ist mit Oskar Kokoschka und Otto Dix befreundet und wird von dem Kunstkritiker Franz Roh bewundert.

Dass Walter Spies’ Geschichte in Europa seltener erzählt wurde als die seiner Malerfreunde, liegt nur zum Teil daran, dass er als Auswanderer Tausende Kilometer von europäischen Kunstmetropolen wie Berlin oder Paris entfernt lebte. Das tat auch Paul Gauguin, dessen Wunschbilder eines Paradieses heute viel bekannter sind. Ein Grund ist auch: Spies’ figürlicher, fast naiver Stil, der immer wieder mit dem von Henri Rousseau verglichen wird, und seine Motive, die das Göttliche in der Natur sehen, waren in der Postmoderne nicht gefragt. »Bei Gauguin findet man große Farbflächen, bei Spies viel kleinere Formen und Pinselstriche. Die Binnendifferenzierung der Gegenstände wie der Palmen ist sehr kleinteilig, fast liebevoll«, sagt Dieter Scholz, Kurator an der Berliner Nationalgalerie, der sich mit Spies’ Rolle in der Klassischen Moderne beschäftigt hat. »In der westlichen Kunstrezeption war die Ästhetik der Avantgarde viel stärker vertreten. Wer nicht abstrakt Innovation geschaffen hat, wurde tendenziell abgewertet. Zu diesen Stilen steht Walter Spies wirklich quer.« Der niederländische Künstler und Professor an der Frankfurter Städelschule Willem de Rooij sagt: »Walter Spies’ Werke waren darauf angelegt, schön zu sein. Sie sind sehr innovativ, was die Formen betrifft, geradezu einzigartig. In anderen Bereichen war er weniger innovativ, etwa wenn es um die Verwendung von Materialien geht.«

Ein weiterer Grund dafür, dass Spies’ Werke nur selten in Ausstellungen gezeigt wurden: Es existieren nur wenige, die Kuratorinnen und Kuratoren zusammentragen könnten. Spies war nicht nur Maler, sondern beschäftigte sich besonders in Indonesien auch mit Musik und Tanz, betätigte sich als Naturforscher und Kurator. »Auch das ist ein Grund dafür, dass man ihn lange Zeit nicht richtig ernst nahm«, sagt Anna-Catharina Gebbers, die die Schau »Hello World. Revision einer Sammlung« 2018 im Hamburger Bahnhof in Berlin mitkonzipierte. »Er bewegte sich nicht nur zwischen den Kulturen, sondern auch zwischen den Disziplinen. Das zeigt die Ignoranz, die die vermeintlich kanonbildenden Institutionen im Westen viele Jahre gepflegt haben. Durch die Öffnung in andere Regionen der Welt, angestoßen besonders durch die frühere documenta-Leiterin Catherine David, gab es dann Entdeckungen wie Walter Spies.« Seine wenigen Bilder gehören meist privaten Sammlerinnen und Sammlern. Museen wie die Neue Nationalgalerie, das Agung Rai Museum of Art in Ubud oder die National Gallery in Singapur haben einzelne Werke, und auch diese sind wie im Fall der Neuen Nationalgalerie teils private Leihgaben. Denn immer dann, wenn er Geld benötigte, verkaufte Spies Bilder an Förderer und Bewunderer. Zwei tauschte er mit dem Forschungsreisenden Victor Baron von Plessen gegen dessen Auto ein. Eines davon heißt Dorfstraße (1928): Es zeigt einen Bauern hinter einem Ochsenpflug, der an einem Hof mit Katze, Hühnern und einem Hund vorbeizieht. Im Hintergrund wachsen sonnenbeschienene Palmen, im Zentrum steht eine fast wie ein Designobjekt platzierte tropische Pflanze, die sich über die Szenerie beugt. Jahrzehntelang hing es auf von Plessens Gut Wahlstorf in Schleswig- Holstein. 2018 wurde es mit fünf weiteren Werken von Walter Spies zusammen mit dokumentarischem Material in »Hello World« gezeigt. »Damals hatte die Bundeskulturstiftung mehreren Häusern ein Ausstellungsprojekt ans Herz gelegt mit der Frage, ob die Sammlungen nicht sehr stark auf Westeuropa und Nordamerika ausgerichtet seien. Ob man das nicht globaler aufstellen müsste, auch im Bereich der Klassischen Moderne«, sagt Gebbers. »Hello World« veränderte die Spies-Rezeption und das Maß der Wertschätzung seiner Werke. Ebenfalls 2018 erschien die erste deutschsprachige Biografie über Spies von Michael Schindhelm (Walter Spies – Ein exotisches Leben, Hirmer). Drei Jahre später waren beide Spies-Werke aus der Nationalgalerie in der Ausstellung »Die Kunst der Gesellschaft. 1900–1945« zu sehen.

Dass die Kunst des globalen Südens zunehmend in den Fokus der Museen rückt, ist ein Grund dafür, dass auch Walter Spies’ Schaffen wieder mehr Aufmerksamkeit erfährt. Der Präsident der Walter-Spies-Gesellschaft Horst Jordt allerdings, der 1995 eine Ausstellung über Spies im National museum von Jakarta mitkuratiert hat, sieht die Wiederentdeckung vor allem darin begründet, dass Bilder des Künstlers seit Ende der neunziger Jahre enorm an Wert zugelegt haben, hauptsächlich durch das große Interesse in Asien. »Ein Bild von Walter Spies war schon damals für viele asiatische Sammler ein Statusymbol, vor allem seine Tropensujets«, sagt Jordt. Die »International Herald Tribune« berichtete 1996, dass der Topverkauf des Auktionshauses Christie’s auf dem ohnehin wachsenden asiatischen Markt eine balinesische Landschaft von Walter Spies gewesen sei, die mit fast 720 000 US-Dollar das Doppelte des Schätzpreises eingebracht habe. Inzwischen erzielen Werke von Spies viel höhere Summen, etwa bei einer Auktion von Sotheby’s im Jahr 2013: über vier Millionen Dollar für Blick von der Höhe (1934), das 2001 noch bei Christie’s für etwa eine Millionen Dollar verkauft worden war. 2022 zahlte ein Sammler knapp 2,9 Millionen Dollar für Tierfabel (1928), dessen Verkaufspreis 1999 noch bei 505 000 Dollar gelegen hatte.

Vor allem in Südostasien war Walter Spies schon lange vor dem Hype auf dem internationalen Kunstmarkt bekannt. Denn Spies war zwar Europäer und von der europäischen Kunst der Moderne geprägt, als er 1923 in Indonesien eintraf. Er hat als junger Künstler mit Kubismus und Abstraktion experimentiert, fühlte sich Paul Klee nah und bewunderte Marc Chagall. Noch in Deutschland war er eng mit der Stummfilmszene verbunden, unter anderem als Lebensgefährte von Friedrich Wilhelm Murnau, mit dem Spies an Nosferatu arbeitete. In dieser Zeit entwickelte er in seiner Malerei dramatische Lichteffekte, die typisch sind für viele seiner Werke – Szenen wie Das Karussell oder Schlittschuhläufer (beide 1922) wirken wie von Scheinwerfern angestrahlt. Der Kritiker Franz Roh rechnete ihn dem Magischen Realismus zu. Aber dann ließ sich Spies selbst durch die balinesische Kultur verändern, lernte von Einheimischen die Schnitzkunst, studierte den traditionellen Tanz und Gamelan-Musik, für die er ein Notationssystem erfand und die er über einen Berliner Musikverlag in Europa bekannt machte. »Spies ist den balinesischen Künstlern und dem Kulturerbe immer auf Augenhöhe begegnet. Er war einer der Ersten, die die Kunst des globalen Südens ernst nahmen«, sagt Michael Schindhelm, dessen Film Roots (2024) auf Festivals und dann in Kinos gezeigt wurde. »Wenn man sich die Werke anschaut, die er in Europa gemalt hat, und die, die er in Indonesien gemalt hat, sieht man, dass er ein ganz anderer Künstler geworden ist. Das unterscheidet ihn von den vielen anderen Malern und auch Architekten, die einmal ihren Stil gefunden haben und ihn dann der Welt oktroyieren. « Diese Selbsttransformation und sein Engagement für den Erhalt balinesischer Traditionen seien Gründe dafür, dass man Spies noch heute auf Bali sehr schätze. Und es habe ihn vor dem Vorwurf des kulturellen Imperialismus geschützt, so Schindhelm.

Zu Walter Spies’ Geschichte gehört aber auch seine Rolle als kultureller Bewahrer und Vermittler im Sinne der niederländischen Kolonialverwaltung. »Es gab damals Vorwürfe über die brutalen Eingriffe der Niederländer in ihren Kolonien«, sagt Anna-Catharina Gebbers. »Es galt, Bali publikumswirksam zu einem Gegenbeispiel aufzubauen, in dem Traditionen bewahrt und respektiert würden. In diese Struktur wurde Walter Spies integriert.«

Seine luftigen Bilder erzählen die abenteuerliche Geschichte einer komplexen Figur
TEXT: SILVIA TYBURSKI